Bayman Triathlon am Mont Saint Michel

Wo fang ich an – wo hör ich auf?

Ich muss ein wenig ausholen.

Eigentlich hätte ich in diesem Jahr im Juni meine erste Langdistanz in Frankfurt (hoffentlich) gefinisht. Ich trainiere seit fast zwei Jahren mit Mättz von Running Green in Hamburg. Leider macht mein Körper immer noch komische Sachen, und im Frühjahr hat es mich dann im Nacken erwischt. Fast zwei Monate war weder an Laufen noch an Schwimmen zu denken. Radfahren ging nur rudimentär und auch nur auf der Rolle. Das Bikefitting bei Kickass genau in dieser Phase musste aber sein – das Ziel Frankfurt stand noch. Im Mai haben wir dann gemeinsam entschieden, das ganze Projekt auf 2027 zu verschieben. Ich war ein bissel vom Druck befreit und, nachdem die Strecke dieses Jahr gekürzt wurde, auch froh, nicht starten zu müssen.

Alle Konzentration also auf den eigentlichen B-Wettkampf dieses Jahr: den Bayman in Mont Saint-Michel in Frankreich. Allerdings konnte ich auch hier erst knapp fünf Wochen vorher richtig anfangen, schmerzfrei zu trainieren.

Wie wir zum Bayman gekommen sind, darüber herrschen unterschiedliche Meinungen. Es ist aber bestimmt in der Küche in Bingen beschlossen worden. 🙂 Auf jeden Fall saßen wir im Januar abends alle vor unseren Rechnern und hatten harte Probleme mit der Anmeldung. Von einer komplett überlasteten Seite über ein rein französisches Anmeldeformular bis hin zu Problemen mit der Lizenz war alles dabei. Nach viel Aufregung hat aber alles geklappt und wir waren alle angemeldet. Die Bande geht wieder auf Tour.

Im Oktober in die Normandie. Im Oktober! Vielleicht nicht unsere klügste Entscheidung – aber eine unserer besten. Da Franzi ihren Hauptwettkampf dieses Jahr von Juni auf August schieben musste, hat sie sich entschieden, nicht zu starten. Ein Wechsel von der MD auf die OD war leider nicht möglich. Wir hatten uns zwischendrin entschieden, unseren Aufenthalt noch mal um drei Tage zu verlängern. Die einfache Strecke von knapp 1.000 km sollte sich ja auch irgendwie lohnen. Patti hat mal wieder zwei großartige Unterkünfte für uns gefunden.

Für uns ging es Mittwochabend zu den Ramones und nach kurzem Gebabbel in der Küche ging es auch schon ins Bett – wir wollten schließlich Donnerstag sehr früh los. Natürlich hat es angefangen zu schütten, als wir unser Gepäck und die Räder im Transit morgens um 7 Uhr verstauten. Und auch nur 30 Minuten später waren wir fast auf der Autobahn. Man kann Franzi und mich nicht mal mit Navi alleine fahren lassen, und statt über Bitburg simmer dann doch über Köln und Lüttich gefahren.

Elf Stunden später standen wir vor unserer Unterkunft mit Blick auf das Kloster Mont Saint-Michel. Schon ganz schön beeindruckend. Ausgeladen. Einkaufen gefahren. Gekocht. Schlummi.

Mättz hatte mir statt des Testschwimmens eine kurze, 30-minütige Radeinheit in den Plan geschrieben. Zeitrad fertig machen. Einteiler an und, weil es echt kühl war, mal die Wind-/Regenjacke angezogen. Da unsere Unterkunft direkt an einem Teil der Radstrecke lag, konnte ich zumindest einen Eindruck davon bekommen, was da auf uns zukommen kann. Die Strecke war unfassbar schnell und hat super Spaß gemacht. Allerdings gab es auch viel Wind, und in Aero-Position war es manchmal ein bisschen haarig. Aber es war für den Kopf wichtig. Technik klappt. Rücken hält und am Wettkampf auf keinen Fall eine Jacke. Auf der kurzen Strecke hatte ich die komplett durchgeschwitzt.

Pünktlich um 14 Uhr rollten wir auf den Parkplatz und holten unsere Startunterlagen ab. Natürlich gab es irgendein Problem bei mir, und ich musste ein wenig länger auf die BIB warten. Wir haben uns noch ein bissle umgeschaut, Fotos gemacht und sind wieder zurück zur Unterkunft. Auch wenn es die Möglichkeit gab, am Wettkampftag einzuchecken, haben wir uns entschieden, uns keinen unnötigen Stress am Morgen zu machen.

Wir sind mit den Rädern zum Check-in gerollt und waren selten so schnell in der Wechselzone. Rad eingehängt. Wecker angeschaut und schon ging es für uns wieder zurück. Nach einer großen Portion Pasta ging es ins Bett.

Samstag: Dadurch, dass Patti bei der Langdistanz startete, mussten wir alle ein wenig früher los. Der Parkplatz war schon sehr voll, und nur dank der Stirnlampe haben wir die Wechselzone gefunden. 🙂

Franzi, Michelle und ich haben Patti zum Schwimmstart begleitet. Es war noch dunkel, als die Athlet*innen ins Wasser gingen. Wir hatten zuvor vom Sprecher gehört, dass das Wasser 15 Grad haben sollte. 15 Grad! Während Patti im Wasser war, konnten wir uns einen schönen Fotospot suchen. Die Radstrecke begann in einer schicken, geraden Allee. Beim Entlangschlendern haben wir noch den Teil der Allee von Ästen und Ästchen befreit und hatten von dort eine Abkürzung zum Schwimmausstieg gefunden. So waren wir zeitlich passend wieder da. Patti kam endlich an uns vorbei, war sehr verfroren, sah aber gut aus. Wir sind dann schnell zum Fotospot und haben Patti dort noch mal hart angefeuert.

Für Michelle und mich ging es dann auch in T1: alles vorbereiten und kontrollieren. Fünfmal. In den Neo zwängen, Neo-Schuhe an. Gel rein in den Körper und zum Schwimmstart gelaufen. Ich hatte echt hart Respekt vor der Wassertemperatur und schwamm zum ersten Mal im Salzwasser. Allerdings waren meine Schwimmtrainings in den letzten Wochen richtig gut, und ich wusste, dass ich das kann. Von Michelle verabschiedet und dann ging es ins Wasser.

Geschwommen wurde in einem Kanal – 1.000 Meter hin, 1.000 Meter zurück. Verdammt, war das Wasser kalt. Und salzig. Waschmaschine trotz Rolling Start. Versucht, direkt loszukraulen, um mehr Platz zu haben, und nach 100 Metern schon das Gefühl gehabt, dass ich wieder hier raus muss. Mir hat es komplett die Luft genommen, und ich habe auch danach noch schlecht Luft bekommen. Es war unfassbar anstrengend. So viele Leute sind über mich und an mir vorbeigeschwommen. Der Plan war, endlich mal unter 50 Minuten zu schwimmen – ich merkte schnell, dass das nicht klappen würde. Ich habe mich dann an meinen Nebenmann gehängt, und da er rechts von mir schwamm, hatte ich ihn auch immer im Blick.

Endlich die Wendeboje, und es war für meinen Kopf einfacher zu sehen, wo der Ausstieg ist. Allerdings habe ich mir bei ungefähr 1.500 Metern einen Krampf eingefangen, der sich auch bis zum Schwimmausstieg zog. Aus dem Wasser und auch im anderen Bein einen Krampf. Langsam in die Wechselzone gekämpft. Beim Neo-Ausziehen umgefallen und durch die Krämpfe lag ich da kurz wie ein Käfer. Auch hier sind noch mal richtig viele an mir vorbei. Ich hatte Angst, dass es wie in Indeland 2024 eine einsame Radfahrt werden würde.

Wer langsam schwimmt, kann viele Menschen auf dem Rad überholen. Meine Radeinheiten waren gut, die vorgegebenen Wattwerte moderat, und ich vertraute meinem Rücken. Ich war sehr viel mit dem TT draußen fahren und hatte noch mal am Vorbau nachjustiert. Das Rad und ich waren Freunde.

Nach KM 9 kam ein Anstieg, der erst mal ordentlich Laktat in die Oberschenkel geschossen hat – aber ab da war es einfach superschön. Fast die komplette Runde in Aero-Position und ständig am Überholen. Gefühlt wurde ich auf der Runde nur von den Langdistanzlern überholt. Insgesamt habe ich auf der Radstrecke über 120 Plätze gutgemacht. Zwischendrin ist mir Michelle begegnet, und irgendwann ist Patti auf einer Abfahrt an mir vorbeigefahren.

Meine Ernährung hat gepasst, und obwohl wir an den beiden Verpflegungspunkten nur 0,5-Liter-Flaschen gereicht bekommen haben, hatte ich nie das Gefühl, zu wenig zu haben. Zwei „Fred Ferkel“ sind leider auf einer Landstraße verloren gegangen, dafür gab es aber noch ein Notfallgel aus der Verpflegung. Insgesamt wurde ordentlich gefahren, auch wenn ich manchmal das Gefühl hatte, dass mir jemand im Windschatten hängt. Auch die Autos auf der nicht komplett gesperrten Strecke haben sich richtig stark verhalten.

Auf den letzten 20 km haben mich der Seiten- und Gegenwind arg angestrengt – dann kamen die letzten 10 km. An unserer Unterkunft vorbei und nach ein paar Kurven auf die Allee zu T2. Rechtzeitig raus aus den Schuhen und 10 Meter vor der Linie: Krampf. Umgefallen. Stark. Wird also wieder ein langsamer Wechsel. Insgesamt habe ich fast 11 Minuten für die Wechsel verdaddelt.

Socken angezogen. Ohne Socken auf dem Rad war auch grenzwertig, weil es doch ein wenig kälter war als gedacht. Gels in den Einteiler gepackt und los ging der wilde Lauf. Die Beine fühlten sich besser an als gedacht, und ich konnte mein Tempo laufen. Zumindest die ersten 2 km – da war er wieder: der Kopf, der mir nichts zutraute. Dazu im Hinterkopf, dass ich ja massig Zeit bis zum Cut-off habe. Immer wieder Gehpausen und Ansätze von Krämpfen. Es machte keinen Spaß. Ich habe immer wieder versucht, mich an jemanden zu hängen – hat aber nur mäßig funktioniert. Die anderen Athletinnen und Zuschauerinnen waren aber so supportive. Hier wird nicht aufgehört.

Michelle begegnete mir auf der Brücke zum Kloster und sagte mir, dass Franzi oben warten würde. Ich freute mich vorher ja schon sehr darauf, durch das Kloster zu laufen. Dass es aber da auf 100 Metern 50 Meter nach oben über Kopfsteinpflaster geht: Puh. Franzi gesehen. Gefreut. Es wurde bei mir aber nicht besser. Ich wusste, dass es nicht gut wird – hier aber hasste ich mich für mich. Franzi hat mich auf der zweiten Runde auf der Brücke noch mal kurz begleitet.

Mir tat alles weh. Hatte Blasen am kleinen Zeh und wollte einfach nicht mehr. Ich wollte mir aber die Medaille holen. Mir selbst beweisen, dass ich es trotz dieses Scheißjahres doch irgendwie ins Ziel schaffe. Wieder Krämpfe und 1 km vor dem Ziel dann einfach mal über den Schmerz laufen. Zielkanal. Ziel. Geschafft. Zeit? Egal.

Im After-Race-Bereich die restlichen Punks getroffen und ein kurzes Getränk zu uns genommen. Leider gab es außer Kuchen nichts wirklich Vegetarisches. Ich konnte kaum noch laufen. Mein unterer Rücken, die Folgen der Krämpfe und die Kälte, gepaart mit dem nassen Einteiler, killten mich komplett. Dass dann auch noch mein After-Race-Beutel nicht ganz dicht war und alle Klamotten nass waren, tat sein Übriges. Zum Glück hatte ich ein trockenes Finisher-Shirt.

Natürlich hat Patti wieder mal seine AK gewonnen, und wir warteten noch auf die Siegerehrung. Eigentlich hätte ich schon früher gehen und mich aufwärmen sollen. Aber: Wir kommen zusammen – wir gehen zusammen.

Wir sind dann schnell zurück zum Busle. Vorbei an den Athlet*innen der Langdistanz auf ihren jeweils (hoffentlich) letzten Laufrunden. Hat es auf der Hälfte der Strecke angefangen zu schütten? Klar. Alles provisorisch verstaut und zurück zur Unterkunft gedüst. Treppe hochgekrabbelt. Heiß duschen. Pizza. Und für mich ging es ins Bett – ich konnte leider kein Kona mehr anschauen.

Nachts irgendwann aufgewacht, weil Michelle „Oh nein“ gerufen hatte – Handy an. Tracker an. Okay. Schade für Solveig.

Sonntagmorgen. Frühstück. Noch mal kurz was einkaufen gehen und versucht, alles im Kopf zu sortieren. Mättz eine ehrliche Nachricht geschrieben und tolle Worte zurückbekommen. Ich weiß jetzt, wo ich stehe – ich weiß, wo die Probleme sind, und ich weiß, was ich tun muss, um nächstes Jahr in Frankfurt ins Ziel zu kommen. Denke ich. Neben dem Rücken ist vor allem der Kopf eines meiner Hauptprobleme, das dringend angegangen werden muss.

Bayman. Toller Wettkampf in toller Kulisse und perfekt organisiert. Bezahlbar dazu. Wir sehen uns sicherlich noch mal. 🙂

Hier findet man noch den Bericht von Patti. 🙂

Du magst vielleicht auch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert